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21
Okt

NWZ Inside: 21-Jähriger Oldenburger will Leidtragenden im Nordirak helfen „Wie vor den Toren der Hölle“

Ali Bako floh 1994 mit seiner Familie aus dem Nordirak nach Deutschland. Alis heute 21-jähriger Sohn Paruar ist in Oldenburg zur Schule gegangen, hat hier sein Fachabi gemacht und studiert jetzt Wirtschaftsrecht in Osnabrück. Er ist Jeside – eine historisch schon oft unterdrückte religiöse Minderheit, die derzeit von den Anhängern des Islamischen Staates (IS) verfolgt wird. Der Irak ist weit weg. Könnte man meinen. Und die Familie Bako könnte über ihr hier friedlicheres Leben glücklich sein. Sie ist es aber nicht. Die alte Heimat ist für die Bakos allgegenwärtig. Vater Ali ist zurück in den Irak gekehrt, um sein Volk vor den Angriffen des IS zu schützen. Sein Sohn Paruar baut unterdessen das Hilfsnetzwerk „A Bridge“ für Verfolgte in den umkämpften Gebieten auf. Und zwar bemerkenswerterweise nicht nur für Jesiden, sondern für alle Leidtragenden. Eine Geschichte über menschliche Tragödien und humanitäre Hilfe.

„‚A Bridge‘ soll, wie der Name schon sagt, als Brücke fungieren“, erklärt Paruar sein Vorhaben. „Die Menschen in Deutschland, die den leidtragenden Menschen in den umkämpften Gebieten helfen möchten, sollen die Möglichkeit bekommen, einen Hilfsbedürftigen mit einer Patenschaft zu unterstützen. Beispielsweise ein Waisenkind, eine Witwe oder jemand mit einem besonders schweren Schicksal. Menschen, die durch die Kriegszustände am härtesten betroffen sind.“ Durch Helfer vor Ort und in Deutschland entstehe ein Netzwerk, welches er auch mit den heute vielfältigen Möglichkeiten des Internets verbinden möchte. „Die Paten sollen genau sehen, wie es den hilfsbedürftigen Menschen geht und was mit ihren Spenden passiert.“

Das Leid sei sehr groß, wie er selbst erfahren habe. Obwohl seine Familie große Angst um ihn hat, fährt er immer wieder in die umkämpften Gebiete. Dort dreht er Videos, die er auf seine Facebook-Seite stellt und in denen er die Zustände vor Ort dokumentiert. Fast 15.000 Menschen folgen ihm schon online auf seiner Fanpage. In den Dörfern und auch in den Flüchtlingslagern sucht er nach Menschen, die durch den Krieg ein besonders schweres Schicksal erlitten haben. Diese Leute werden systematisch aufgelistet, um ihnen so schnell es geht die nötige Hilfe zukommen zu lassen. Und genau diese Menschen sind es auch, denen durch Paruars Hilfsprojekt „A Bridge“ geholfen werden soll.

„Richtige Angst hatte ich vor nächtlichen Angriffen“, gibt er mit gefasster Stimme an diesem Oktobernachmittag in Oldenburg zu, während wir mit ihm in einem Innenstadtcafé sprechen. „Das ist wirklich krass. Man muss erst mal realisieren, dass das dort echt ist und kein Film.“

Der gut gekleidete 21-Jährige macht einen freundlichen, aber ernsten Eindruck. Er berichtet davon, wie gefährlich sein Hilfseinsatz auch für ihn persönlich ist: „Einmal sind wir beschossen worden. Wir mussten uns so lange verstecken, bis eine Verteidigungseinheit zu Hilfe gekommen ist. Diese hat dann den Rückweg gesichert. Ein anderes Mal ist ein Fahrzeug direkt vor uns über eine Sprengfalle gefahren. Ohne zu wissen, ob noch weitere Fallen auf der Strecke sind, mussten wir den Weg weiterfahren.

Unterstützung bekommt Paruar für den Aufbau seines Hilfsprojektes durch Freunde, Bekannte und Online-Follower, darunter auch Fachleute aus dem IT-Bereich, die ihm bei der medialen Vernetzung helfen. Außerdem durch berühmte Persönlichkeiten: Die bekannten Rapper Azad, Capo und Xatar wollen den Oldenburger bei seinem Vorhaben supporten. Auch der Abgeordnete Cindi Tuncel von den Linken hat seine Hilfe angeboten. Sie alle vereint eins: Sie gehören zur multireligiösen Volksgruppe der Kurden, zu denen sich u. a. auch die nordirakischen Jesiden zählen.

Sein Projekt hat Paruar bisher größtenteils aus eigener Tasche finanziert. „Ich habe mir Geld geliehen, Konten überzogen, private Dinge verkauft und Mieten nicht bezahlt, um meine Arbeit fortführen zu können und meine Reisen in die Gebiete bezahlen zu können.“ Die Unterstützung der Paten innerhalb des Projekts soll später, wenn alles aufgebaut ist, durch Spenden-Gelder geschehen. „Ich reise in den nächsten Tagen wieder dorthin, installiere das Netzwerk mit den Leuten, mit denen ich vor Ort zusammenarbeite. Dann komme ich zurück nach Deutschland und baue eine Homepage auf, über die das Netzwerk laufen soll.

Eine Aufgabe, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Daher möchte Paruar in seinem Studium erst mal kürzer treten. Es sei schwer für ihn, sich auf eine Vorlesung zu konzentrieren, wenn er mit seinen Gedanken gleichzeitig bei seinem Volk sei. Im schlimmsten Falle will er ein Urlaubssemester nehmen.

„Mein einzelnes Schicksal ist nicht so wichtig“, sagt er mit überzeugter Stimme und erklärt dies mit dem Leid vor Ort: „In den Flüchtlingslagern ist es wie vor den Toren der Hölle. Überall Geschrei, Geweine, überall suchen Familien nach Familienmitgliedern. Das hat meine Welt kleiner gemacht und mir erst gezeigt, was echte Probleme sind.“

von Henry Dallek und Torsten Cordes

Quelle:
http://www.nwz-inside.de/News/Dein-Revier/Oldenburg/Wie-vor-den-Toren-der-Hoelle,64833

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