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21
Okt

NOZ: Paruar Bako gründet Hilfsprojekt Osnabrücker, Student hilft jesidischen Flüchtlingen

Osnabrück. Er sagte niemandem Bescheid, nicht mal seinen Eltern: Der 21-jährige Paruar Bako setzte sich im August in den Flieger und fuhr über die Türkei in den Nordirak, ins Zentrum des IS-Terrors. Ein Rückflugticket buchte der Osnabrücker Student erst mal nicht. Knapp einen Monat blieb er dort. In Deutschland hat er jetzt ein Patenschaftsprojekt gegründet.

Bakos Idee passt in einen Plastikschnellhefter. In seinem WG-Zimmer in Osnabrück zeigt er das Papier, auf dem er seinen Hilfsappell zusammengefasst hat. Dann holt er ein paar Ausdrucke hervor: Name, Alter, Situationsbeschreibung. Bako versuchte, in Kurdistan Vollwaisen zu registrieren. Er will den jesidischen Flüchtlingen helfen, die vor dem IS geflohen sind.

Eigentlich studiert Bako Wirtschaftsrecht in Osnabrück, momentan steckt er seine Zeit jedoch in das Hilfsprojekt. Die Internetseite „Ourbridge.de“ – unsere Brücke – steht nun seit ein paar Tagen. Über das Portal will Bako mit einem kleinen Team Patenschaften für Vollwaisen und Geldspenden vermitteln. Auch der Politiker der Linken Cindi Tuncel, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, unterstützt den Studenten. „Als Jeside bin ich stolz auf den jungen Mann, der nicht nur vor dem Fernseher gesessen hat, sondern einfach losgegangen ist“, sagt Tuncel.

Vor seiner Reise in das Kriegsgebiet hatte Bako an Demonstrationen gegen den IS-Terror in Bremen und Oldenburg teilgenommen. Er gehört selbst der religiösen Minderheit der Jesiden an. „Alle waren bekümmert“, sagt er über die Reaktionen von Familie und Freunden auf die „Horrorgeschichten“ aus dem Irak und Syrien. Bako vergaß die Bilder aus den Nachrichten nicht, packte seinen Sachen und flog in den Semesterferien heimlich in das Krisengebiet. Die Situation, wie er sie dort erlebte: Flüchtlinge suchen Zuflucht in Garagen und Schuppen, schlafen in Pick-ups, aus denen die Türen herausgebrochen wurden. Sie schlafen auf der Pappverpackung der Hilfsgüter, die US-Flieger abwerfen, und decken sich mit der Folie zu, die eigentlich die Hilfsgüter umhüllt. „Die Leute sind alle kaputt und brauchen Hilfe von außen“, sagt er. Die Vereinten Nationen sprechen mittlerweile von „versuchtem Völkermord.“

Seit vergangener Woche sind erneut Tausende Jesiden in Bedrängnis, weil der IS in der Nähe des Höhenzuges Sindschar im Nordirak gegen sie vorrückt. Im Nordirak sind Tausende Menschen vor den Kämpfern des „Islamischen Staats“ (IS) auf der Flucht. Die Gewalt der islamistischen Terrorgruppe richtet sich vor allem gegen Jesiden, aber auch gegen Christen und andere religiöse Minderheiten. Militärisch stehen den Islamisten die irakische Armee sowie kurdische Peschmerga-Truppen gegenüber. Neben den Terroreinheiten ist die Kälte der schrecklichste Feind der Vertriebenen. Der Winter hat die Berge fast erreicht. „Für so viele Flüchtlinge gibt es noch keine Zelte“, sagt der Student. Seine Reise ins Sindschar-Gebirge dokumentierte er als Videotagebuch auf Facebook. Fast 15000 Menschen folgen ihm auf seiner Seite. Auf den Videos ist Bako mit Kindern zu sehen. Mit Kämpfern der Volksverteidigungseinheit der Jesiden. Mit Frauen, die weinen.

In einem der Filme hält Bako Fertignahrung, die das US-Militär abgeworfen hat, in eine Handykamera. Eine Uhr ist an einer Bruchsteinwand aufgestellt, das Dach der Behausung besteht aus Blättern. Dann ein Video von Bako auf einer Demonstration in Oldenburg im Oktober. Paruar Bako trägt den Kampf im Internet aus, seine Armee besteht aus Unterstützern bei Facebook, seine Waffe ist die Handykamera. Sein Vater Ali Bako kämpft seit etwa zwei Monaten im Gebirge gegen die IS-Milizen. Zum zweiten Mal erlebt er nun, wie die Minderheit, der er selbst angehört, verfolgt wird. Der 58-Jährige war 24 Jahre Söldner im Irak, wie sein Sohn erzählt.

Im Jahr 1994 floh die Familie nach Deutschland. 27 Familienmitglieder von Vater Ali seien 1988 unter dem Terror der Truppen Saddam Husseins gestorben, sagt sein Sohn. Sein Vater sei nun unter jenen Kämpfern, die den Schrein von Scherfedin bewachten, das zweitwichtigste Heiligtum der Jesiden. Am Dienstag habe er zuletzt mit ihm telefoniert; der IS sei noch etwa drei Kilometer entfernt. „Er wird zurückkommen, wenn alles gut läuft“, sagt Paruar Bako. Auch er will bald wieder ins Sindschar-Gebirge reisen, sagt er – „dorthin, wo die Flüchtlinge sind“. Dann müssen Mutter Watfa und Bakos vier Brüder in Oldenburg wieder auf die Rückkehr eines zweiten Familienmitglieds warten.

Ein Artikel von Désirée Therre

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